Insekten packen aus!

Im Juli 2017 gehts los!

Als Wiesenhelden-Reporter haben wir bei unseren Touren mit allerhand Lebewesen sprechen können. Immer mal wieder sind wir auf eines getroffen,

dass nicht mehr weitermachen konnte oder wollte. Der Wunsch nach Veränderung macht sich breit. Daher haben wir uns entschlossen,

jeden Monat einen von ihnen hier auf dieser Webseite, auf diesem Enthüllungsblog selbst zu Wort kommen zu lassen.

Und wenn Ihr eine Idee habt, wie man da etwas ändern könnte, dann schreibt uns einfach <Kontakt>

 

Euer Linus, Balduin und Eure Marina und Alby!

Geruchs-Junkies

 

Die Luft ist wieder so schwer und voll von verführerischen Düften. Da fällt es mir immer schwerer, meinen Dienst zu tun und nicht ständig den verwirrenden Gerüchen hinterher zu fliegen und sich an den süßen und herzhaften Leckereien der Menschen gütlich zu tun. Aber ich muss mich zusammen reißen, wenn ich sehe wie da meine Kolleginnen da unnatürlich herum torkeln, völlig benebelt von den merkwürdigen Inhaltsstoffen, die diese Dinge in sich tragen.

 

Ein, zweimal hab auch ich mich betören lassen und ich muss sagen, es war schon ein echt starkes Gefühl!

Ich war mir wie ein Riese vorgekommen, als könne mich nichts und niemand aufhalten. Egal, ob eine Kollegin oder gar einer dieser Zweibeiner, die da womöglich mir mein Fresschen streitig machen wollten. 

Vor allem der Zucker darin haut einen um. Die Menge ist so viel und so intensiv, dass seine Moleküle regelrecht in meinem Kopf explodiert sind. Ich kann mich im Grunde nur noch an die bunten Farben erinnern, aber was ich getan habe oder wie ich dann dort gelandet war, als ich wieder nüchtern wurde, kann ich nicht sagen. Die Daten sind alle ausgelöscht. Genauso wie das Leben viele meiner Kolleginnen...

 

Dabei hat alles so zielstrebig angefangen. Keine von uns hätte auch nur im Traum daran gedacht, nur einen Fühler von seinem Dienstplan abzurücken. Die Duftbefehle unserer Königin waren klar und deutlich. So waren wir losgezogen. Die einen auf der Suche nach Holz, als Nistmaterial, das es galt abzuschaben und zuhause in Papier umzuwandeln. Die anderen auf der Suche nach Futter für den Nachwuchs: gute proteinreiche Insekten.

Und wir sind emsig bei der Arbeit gewesen. Genauso wie auch alle anderen Wespenstämme. Wir helfen auf diese Weise auch den Pflanzen. Denn die saugenden und Grün fressenden Insekten dürfen nicht über die Maße an den Pflanzen sich nähren. Wir zügeln diese Tierbestände, so dass sie nicht zu Schädlingen für die Wurzelnden werden. 

Doch damit nicht genug! Wir sind genauso gute Blütenbestäuber wie die Bienen. Nur produzieren wir für die Menschen eben keinen Honig! Vermutlich sind wir deshalb für sie nichts besonderes und werden meist als Ungeziefer eingestuft, dass es zu vernichten gilt!

 

Ich kann das einfach nicht verstehen. Wieso sind diese Zweibeiner so blind? Obwohl, wenn ich bedenke... unser Stamm der Deutschen Wespen und auch noch unsere näheren Verwandten die Gemeine Wespe, fressen auch mal vom Futter der Menschen. Und wie wir uns dann aufführen - ich glaube, das sagt schon alles!

Ich glaube dieses Futter macht die Zweibeiner aggressiv, löscht das Wir-Gefühl aus dem Gedächtnis und erschafft im Gegenzug ein übergroßes Ego. So geht es ihnen wohl dann wie es mir vor einigen Tagen ergangen ist. 

Und wenn wir dann auch mal aus dem Rahmen fallen und die Sau raus lassen, dann sind wir die Bösen und werden dann auf brutalste Weise ertränkt und ermordet!  

 

Dabei hätten wir es doch nach all unserem Pflichtbewusstsein verdient, auch mal los lassen und einfach nur mal ernten zu dürfen. Bei den Menschen nennt sich das Rente, und die genießen sie in vollen Zügen. Dabei haben sie im Grunde doch gar nichts für die Natur getan! Sie haben sie nur vergiftet und ausgenommen! Und dafür wollen sie dann am Ende auch noch das Paradies für sich allein haben. Die eigentlichen Helfer sollen in der Versenkung verschwinden - ganz ohne Dankeschön! Dabei hat mein Stamm täglich bis zu 3000 Insekten-Tierchen gefangen, die den Pflanzen, das Leben schwer gemacht hätten. Wir gehören auch zur Gesundheitspolizei, die dabei mithelfen, Kadaver von Säugetieren schneller zu beseitigen. 

 

Außerdem nehmen die Zweibeiner uns Stück für Stück unsere Nistmöglichkeiten fort und beklagen sich, wenn wir uns dann Ersatz in Dachstühlen oder Rollladenkästen suchen. Wir würden auch lieber in einem alten Maulwurfs- oder Mäusebau unser Papierschloß bauen, aber solche vor gegrabenen Erdbauten sind selten geworden.

Wenn ich darüber nachdenke, könnte ich echt wütend werden! Aber das hat keinen Sinn! Wir könnten uns ja nicht einmal zusammen tun, um gegen diese Zweibeiner in den Krieg zu ziehen. Zu viele von uns haben sie schon getötet.

Darunter sogar einige der solitär lebenden Wespen, die ganz ohne eine Gemeinschaft wie wir sie haben, auskommen müssen. Sie sind alleinerziehende Mütter, die das Futter heranschaffen und das Nest für ihre Kleinen bauen. Und das nur, weil sie gelb-schwarz gestreift sind. 

 

Viele Wespen halten sich meist von den Menschen fern. Sie können nicht wie unser Stamm vom Duft des Zweibeiner-Futters verführt werden. Wenn die Menschen wenigstens darauf achten würden. Nur mal etwas genauer hinschauen. Ist das denn zu viel verlangt?

 

Das gilt vor allem für die Schlupfwespen, die wie geflügelte große Ameisen mit Riesenstachel aussehen. Einen kleinen Tipp am Rande! Den echten Stachel sieht man nicht. Wenn also ein Tierchen scheinbar mit einem riesigen Stachel am Hinterteil herum fliegt, dann ist das nur der Legebohrer, damit die Eier für den Nachwuchs tief unter die Rinde im alten Holz abgelegt werden können. Das ist alles!!

 

Zudem sind die Menschen selbst daran schuld, wenn sie von einem aus meinem Stamm gestochen werden. Wir sind Lebewesen, die in einem komplexen Wir-Bewusstsein arbeiten. Und wenn dann die Duftwolke Angst oder Wut von den Zweibeinern rüber weht, dann schaltet unser Körper direkt in den Kampfbereitschaft-Modus. Dann beginnen wir dann mit einem wilden Drauflosgesteche gegen alles, was größer ist als wir.

Und, wenn wir das Gefühl haben, gleich zu ersticken, agieren wir natürlich auf ähnliche Weise. Das heißt alles, was nach Kohlendioxid stinkt, wird von uns als Gefahr wahrgenommen. Die Menschen atmen das Zeug ja auch aus, damit sie nicht daran ersticken.

 

Übrigens: Wespe ist nicht gleich Wespe, auch wenn der Mensch gerne alles einheitlich zu einer Art zusammen zu quetschen versucht. Es gibt vier Stämme der Langkopfwespen. Deren Staat wächst sehr schnell, doch spätestens Mitte August ist alles schon wieder vorbei. Ihre grauen, gewickelten Nester finden sich in Schuppen und Dachböden. Besonders selten geworden ist davon die Mittlere Wespe, die ihre freihängenden Papiernester nur in Hecken und Bäumen anbringen. Des Weiteren gibt es drei Arten von Kurzkopfwespen - mein Stamm gehört auch dazu. Und nur die Rote Wespe ist von den Kurzkopfwespen zu selten, so dass sie den Menschen gar nicht mehr auffällt. 

 

Unser Staat der Deutschen Wespen oder der Gemeinen Wespe lebt meist bis Ende Oktober, in Häusernähe auch mal bist November. Die Rote Wespe dagegen sucht kühlere Orte, und ihre Arbeiterinnen sterben so Mitte September. Sie sehen unserem Stamm zwar sehr ähnlich, fallen aber mit ihren zwei roten Bauchringen auf - wenn man hinschaut!

Und auf ihrem Speiseplan stehen die Stechmücken, die der Mensch noch mehr hasst als unseren Stamm. Wenn also zu viele Stechmücken herum fliegen und die Menschen pieksen, dann trägt er wohl selbst die Schuld daran. Gäbe es genügend Rote Wespen, würde es das Problem nicht geben!

Außerdem ist der Staat der Roten Wespen viel kleiner als unserer, nur 150 bis maximal 350 Tiere leben in einem Nest. - Wir dagegen bringen es auf einige Tausende. Vor allem so ab Juni, denn dann legt nicht nur die Königin Eier, sondern auch einige der Arbeiterinnen. Und auch darin sind wir den Menschen sehr ähnlich! Wir bauen regelrechte Großstädte - nur mit dem Unterschied: Unsere Stadt ist perfekt angepasst und besteht aus rein natürlichen, gut recycelbaren Materialien.

Darüber hinaus gibt es auch noch die echten Wespen, zu denen die Hornissen zählen. Sie sind die einzigen, die meist gegen Abend und in der Nacht ausfliegen, um auf die Jagd zu gehen. Doch auch hier hat der Mensch tödliche Fallen aus Licht aufgestellt!

 

Und noch was! Die Feldwespen sind nochmal ein ganz anderer Stamm als der unsere. Sie zählen zu den Faltenwespen, sind also keine sogenannten echten Wespen, wie das die zweibeinigen Fachleute so erklären. Noch leben sechszehn Arten hier in Deutschland, aber wer weiß, wie viele es noch im nächsten Jahr sind... ach, wir Wespen leben einfach in einer schrecklichen Zeit - für uns scheint die Apokalypse schon angebrochen zu sein! 

 

Nikki Fresslein

 

Lichtfluten aus der Steckdose

Laut den Überlieferungen unserer Vorfahren, muss das Sternengefunkel am Himmel einst wunderbar gewesen sein. Und es wurde nur übertroffen vom Lichtgefunkel in lauen Sommernächten auf Wiesen und Feldern.

So viele unserer Art haben einst Lichtsignale in die Nacht hinaus geschickt, in der Hoffnung, dass der oder die Richtige es sehen und erkennen würde. Egal, wie weit die Entfernung auch sein mochte: ein jedes Männchen machte sich auf den langen beschwerlichen Weg. 

Doch irgendwie sind die Sternchen blasser geworden und Signale unbekannter Art mischen sich in das Gefunkel hinein. Einige meiner besten Freunde haben sich trotz allem auf den Weg gemacht und ich musste dann mit ansehen, wie riesige Lichtfluten auf sie niederprasselten und ihren Verstand verwirrt haben.

Dabei hatten wir uns das als Kinder so toll ausgemalt! Drei Jahre lang waren wir gemeinsam auf der Pirsch nach Schnecken und Insekten gewesen, um unseren Hunger zu stillen und um groß und stark zu werden. Immer wieder wenn die alte Hülle zu klein geworden war, haben wir uns gehäutet bis dann der große Tag angestanden war, an dem wir uns endlich verpuppen konnten, um erwachsen zu werden. Über zehn Tage hatten dann die Hormone in unseren Körper gewerkelt und uns in richtige Leuchtkäfer verwandelt.

 

Wir sind gemeinsam los geflogen und hatten uns umgeschaut. Am Anfang waren wir nur etwas irritiert. Denn irgendwie schienen die Weibchen hier eine andere Sprache zu sprechen, als die die unsere Gene uns zu funkeln geraten hatten. Dann hatte sich einer nach dem anderen auf den Weg gemacht. 

 

Gestern hab ich dann auch noch meinen letzten Freund verloren.

Er hat mich aus über alles verliebten Augen angeschaut und erklärt: "Ich bin mir sicher, sie ist die, die ich gesucht habe! Auch, wenn sie anscheinend vergessen hat, wie man richtig spricht."

 

Vorsichtig bin ich ihm dann gefolgt. Hab mein Licht vorsorglich aus gelassen, damit mich niemand entdecken kann.

Mir ist aufgefallen, dass er sich dabei aus dem vor leben sprühenden Wald entfernt hat und sich diesen eckigen, toten Riesenbaumstämmen genähert hat, die im Inneren Hohl sind und über merkwürdige Eingänge verfügen.

In einen davon ist er rein geflogen, dort ist mir ein leises Gefunkel aufgefallen, das in der falschen Farbfrequenz immer mal wieder kurz aufgeleuchtet ist. Irgendwie hatte es etwas anziehendes und am liebsten hätte ich mich auch in diese Höhlung hinein begeben. Aber mein Bauchgefühl hatte mir abgeraten, so wie bei den anderen Touren auch, als meine Freunde in ihr Unglück geflogen sind.

Gespannt späte ich vorsichtig in die Höhlung hinein und beobachtete wie toll mein Freund da zu glühen und zu tanzen begann. Solch einen Tanz hatte ich noch bei keinem anderen Glühwürmchen gesehen. Im Zickzack tanzte er auf und nieder, so dass es aussah wie die Umrisse eines großen Sternes.

Dann begann er zu rotieren, immer schneller und schneller... auf einer kreisrunden Bahn. Er wirkte auf diese Weise sehr groß, beinah schon wie ein ufo - eine unglaubliche Flug-Obsession. Ich war unglaublich fasziniert, was da mein Freund so in der Luft aufführte. Und welche Kraft er da rein steckte. 

Immer mal wieder passierte es, dass er kurzzeitig mal absackte - seine Kräfte gingen nach und nach zur Neige, aber er wollte sich eben von seiner bestern Seite zeigen. Doch die Dame blieb kühl und verändert in keinster Weise ihr gefunkelt. In immer gleichem, fremdartigen Wortlaut vollführte sie ihre Blinkeinheiten. 

 

Mir ist immer noch unklar, wie sie bei diesen fantastischen Tanzeinlagen meines Freundes so ruhig bleiben konnte... Aber er, er machte weiter. Immer wieder raffte er sich auf und pulste und tanzte, was seine Kraft hergab. 

Ich konnte es nicht länger mit ansehen und begann ebenfalls kurz aufzublinken:

"Gib auf, sie hat dich nicht verdient!"

Und mit letzter Kraft macht er sich dann auf den Rückweg... zurück zu mir in die laue Nacht. Doch oje, irgend etwas hielt ihn wieder zurück. Ich konnte nur noch sehen, wie er senkrecht, kurz vor mir runterrutschte, und dabei in das Netz einer Spinne glitt...

Es war einfach ein traumatisches Erlebnis für mich, das ich noch nicht überwunden habe... und jetzt bin ich ganz allein, als einziger Glühwurm-Mann bin ich hier übrig geblieben. Und dass nur, weil ich ein Skeptiker bin. 

Vielleicht bin ich sogar der einzige meiner Spezies hier auf diesem kleinen Fleckchen Wald und es gibt gar keine Weibchen mehr... alles nur Tropfen aus Lichtfluten, die aus einer vollkommen anderen Welt stammen.

 

Kurt Skeplicht, Glühwürmchen 

Alles zum Wohle des Staates

 

Ich hab den Druck einfach nicht mehr ausgehalten. Ich musste einfach fliehen. Hinaus aus dem zu engen Staatengefüge, in dem jeder doch nur eine Nummer ist und nur die Regel gilt: schuften bis zum Umfallen.

Auf einer Arbeiterin liegt ja so viel Verantwortung. Je nach Alter erhält sie einen bestimmten Rang. Sobald sie dem Wickelalter entwachsen ist, beginnt der Ernst des Lebens. Zunächst heißt es dann emsig kriechen: alle Zimmerchen und Gänge sollen stets gut sauber gehalten werden. Es gilt, darauf zu achten, dass die Temperatur im Nest immer auf dem gleichen angenehm warmen Level bleibt - ein echter Knochenjob. Wenn es zu kalt ist, müssen die Flügel pausenlos im Einsatz sein, damit die Kleinen sich gut entwickeln können. Nur eine kleinen Unachtsamkeit und schon kann das verheerende Folgen haben. Das Gedächtnis und auch die Kommunikationsfähigkeit der später aus dem Kokon schlüpfenden Helferin können dabei in Mitleidenschaft gezogen werden. Das Wohl des ganzen Staates kann aus den Fugen geraten, wenn die neu gezüchteten Arbeiterinnen nicht gemäß des Standards funktionieren, gar behindert sind.

Sobald man dann ein Amt höher gerutscht ist, gilt es, mit dem eigenen Körper Wachs zu produzieren und daraus kleine Wohneinheiten zu erschaffen. Wichtig ist, sich nicht ablenken zu lassen, was aber gar nicht so einfach ist, wenn von außen immer mal wieder so ein sonderbar benebelnder Rauchgeruch durch die Flure zieht.

Zudem scheint hier auch, eine Art Geist am Werkeln zu sein, der den Abstand der Straßenzüge verändert. Man glaubt, man hätte Reihenweise gut gefüllt Vorratskammern geschaffen und muss dann feststellen, dass diese auf unerklärliche Weise abhanden gekommen sind.

Doch damit nicht genug. Beim Bau der Wohneinheiten muss auch noch entschieden werden, soll dies ein Geburtsraum für eine neue Arbeiterin werden, einer für ein Drohne oder gar für weitere Königinnen. Die Prinzessinen-Zimmer sind die Weiselzellen.

Die Stufe der Amme ist im Grunde ganz angenehm. Die Kleinen füttern, den Kot abwischen und sie in den Schlaf summen, das hat schon was sehr erhebendes.

Allerdings, wenn sich eines nicht richtig entwickelt, wird es aus seinem Bettchen gezogen und getötet. Sollte alles gut gegangen sein, kommt das nächste Zittern. Sobald sich die Königinnenlarven verpuppt haben, zählt man die Tage... wird nun der eigene Schützling zuerst schlüpfen und wenn ja, wer schlüpft als zweites und muss sich ihr dann im Kampf auf Leben und Tod stellen?!

Es ist so herzzerreißend, wenn die erste Prinzessin ihren tutenden Gesang anstimmt, um die Zweitgeborene heraus zu fordern. Wenn diese sich bereit fühlt, antwortet sie mit einem quakenden Gesang, und dann geht der Kampf los.

Manche der Arbeiterinnen stacheln die beiden Kontrahenten mit aufmunternden Summgeräuschen gegenseitig auf, als würden sie sich daran ergötzen, dass nun die Königin und ihre Prinzessinnen für ihren Rang den Preis zahlen müssen.

Mich hat es mehr an ein sinnloses Dahinschlachten erinnert.

Und je nachdem wie viele Weiselzellen von den Arbeiterinnen eingerichtet wurden, so viele Prinzessinnen müssen um ihren Thron kämpfen. Ob sie wollen oder nicht und nur die jeweils stärkste überlebt und wird mit einem Gefolge ausziehen und einen neuen Staat gründen. Und falls die Königinmutter zu alt oder schwach ist, wird diese von den Arbeiterinnen erstochen und die neu gekrönte bleibt im Stock.

Und dann auch noch dieses Gefühl beständig überwacht zu werden. Mir klingen heute noch die Befehle in meinen Fühlern wieder: „Zum Wohle des Volkes muss alles erdenkliche getan werden!"

Kein Summen, keine Bewegung und Kommunikation bleibt ungehört. Hier gilt nur das Wohl Vieler. Ein Einzelner hat keine Bedeutung.

Als ich dann endlich alt genug war, um dieser Kontrolle ab und zu mal zu entgehen, bin ich emsig von Blüte zu Blüte geflogen und hab meinen Honigmagen mit Nektar gefüllt. Diese Freiheit war schon berauschend. Allerdings muss ich gestehen, dass ich mir die Außenwelt irgendwie ganz anders vorgestellt hatte.

Nach den alten Erzählungen müssten überall die leckersten Blüten wachsen, eine riesige Auswahl an Formen und Farben. Doch dieses Paradies, das man uns für all unsere Mühen versprochen hatte, scheint wohl nur eine Legende unserer Vorfahren zu sein. Von wegen saftige Wiesen mit Millionen Blüten.

Manchmal waren die Abstände zwischen den Nektarweiden gar so groß, dass die Sammlerin gar nichts zurück ins Nest tragen konnte. Zudem waren auch einige regelrecht benommen heimgekehrt, als hätten sie irgendwelche Drogen genascht.

Mir ging es einmal auch so. Tagelang bangten meine Kollegen um meine Gesundheit, doch dann berappelte ich mich wieder. Allerdings merkte ich mir die Bereiche mit den schlecht bekömmlichen Nektar und Pollen... was ein weiteres Problem aufwarf: Gute Blüten waren dann noch viel rarer.

Tja, und dann kam die Zeit, dass ich in den Vorruhestand versetzt wurde. Als Torwächterin sollte ich meinen Dienst versehen. Einen Angriff habe ich in der Zeit erlebt und der hat das Entsetzen in meinem Inneren in ungeahnte Höhen hoch geschraubt.

Im Grunde war es selbstverständlich. Ein jeder hat sich für den Staat zu opfern. Sobald ein Angreifer auftaucht, gilt es, den Stachel zu ziehen und fest zuzustechen. Ich mein, wenn ich nur kurz zustechen müsste, ginge das ja. Aber da so viel Gift wie möglich in den Angreifer gepumpt werden soll, muss der Stachel eben in dessen Hülle stecken bleiben. Feine Widerhaken ermöglichen das... nur seufz, dann heißt es wieder los fliegen und dabei auf eine halbe Portion gekürzt zu werden. Ich hab das so oft schon miterleben müssen, wenn es eine Kollegin einfach mitten drin zerreißt. Wie der Körper in die Länge gezogen wird und zuletzt die inneren Organe sich winden und dehnen, bis auch der letzte Faden zerfetzt ist und die Biene in einem achtzehnstündigen Todeskampf zu Boden sinkt.

Nein, ich konnte das alles nicht mehr ertragen und bin geflohen. Ich wollte meine letzten Tage in aller Ruhe auf einer meiner Lieblingsblumen verbringen. Ich hab genug Opfer gebracht, ich will einfach nicht mehr... auch, wenn das für eine Biene mehr als nur feige ist.

Nina Zielgenau, Honigbiene

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