Wir tun nur unsere Arbeit

Ich weiß, ich weiß...

Wir sind bei den Menschen unerwünscht. Wo immer einer von uns auftaucht, versetzt er die Zweibeiner in helle Aufregung. Unsereins wird gar als Zerstörer betrachtet. Dabei tun wir nur das, wofür uns das Schicksal vorgesehen hat.

Seid mehr als hundert Millionen Jahre arbeitet unser Stamm schon für Mutter Natur. Wir haben ein Abkommen unterschrieben und halten uns gewissenhaft daran, wie am ersten Tag. 

 

Und der Mensch? Der hält sich inzwischen für etwas besseres. Glaubt er sei den Kinderschuhen entwachsen und müsste sich nicht einmal mehr an seinen genetischen Code halten. Emsig arbeitet er daran, seinen eigenen Evolutionssprung zu machen. Doch dazu gehört mehr als nur der Wunsch das Puppenstadium zu überspringen und direkt von Jungraupe zum Schmetterling zu wechseln. Es ist wichtig sein Leben zu leben: als der, der man ist. Ohne wenn und aber!

 

Wir erfinden keine Ausreden und Ausflüchte wie der Mensch, um uns vor unserer Arbeit zu drücken. Wir sind überaus pflichtbewusst - egal, wie hart man uns auch zusetzt und uns versucht aus dem Spiel zu drängen. Wir wissen zu genau, was auf dem Spiel steht. Nur, ob der Mensch sich darüber im klaren ist, wage ich zu bezweifeln. Seine Taten sprechen auf jeden Fall dagegen. Einige munkeln gar, dass der Mensch vor lauter Furcht davor menschlich zu sein, sein Bewusstsein eingebüßt hätte.

 

Ich bin nun mal, was ich bin: Ein Abfallentsorger. - Doch, was ist daran schlecht?

 

Die Welt funktioniert nun mal so. Da ist auf der einen Seite das Leben und das Lebendig-Sein und auf der anderen Seite der Tod. Er gehört zum ewigen Kreislauf dazu. Die alten Kulturen wussten diese Tatsache noch sehr wohl. Sie waren sogar der Überzeugung gewesen, das aus unbelebter Materie gar die belebte hervor ginge. Das war zwar auch nicht richtig, doch immerhin fügte sich der Mensch damals noch in das natürliche System. Er kämpfte nicht gegen die Zeit.

 

Etwas ewig zu horten, ist im System Natur nicht vorgesehen. Alles muss sich ändern, der ewige Fluss darf nicht zum Stillstand kommen - das ist unnatürlich und vor allem: mit lebendig sein hat das nichts mehr zu tun. Eher mit der ewigen Dunkelheit, einer nie enden wollenden Nacht.

Mir würde diese Vorstellung nicht gefallen. Das ist, als wollte ich für immer und ewig in einem Kokon gefangen sein: Einer absoluten Mini-Miniartürwelt. Nur auf mich selbst konzentriert und jede Veränderung fürchtend, die als Zahn der Zeit, an meinem Körper nagt.

 

Ein wirklich furchtbarer Gedanke!

 

Und es ist eine Sache, dass die Menschen gegen meinem Stamm mit Giften vorgehen. Doch nicht nur unser Stamm wurde im Laufe der Zeit von ihnen als bösartig eingestuft. Auch viele unserer Verwandten, die im Grunde in einem ganz anderen Bereich arbeiten. Und das nur, weil wir unsere Arbeit im Dunkeln zu tun haben.

Wir sind eben Nachtfalter, na und? Das sagt doch wirklich nichts darüber aus, welch wichtigen Dienst ein jeder von versieht!

Jeder Stamm hat seinen eigenen individuellen Stellenwert und arbeitet für Mutter Natur wie es sich gehört.

Und meiner soll dafür sorgen, dass auch der letzte Rest von Wolle, Federn und Fell in den ewigen Kreislauf zurück geführt wird. Einige von unseren Raupen geben sich sogar Mühe die Fasern zu verwerten, bei denen der Mensch es anscheinend geschafft hat die Zeit erstarren zu lassen. Meins wäre das nicht. Diese Teilchen lagen mir etwas zu schwer im Magen. Ich habe davon nur Blähungen bekommen.

Außerdem: Wenn unsere Raupen ihre Arbeit machen, sorgen sie zudem dafür, dass auch andere eine Arbeitsstelle bekommen und sich somit nützlich ins System einbringen können. Nur so kommt es zu einer gut durchmischten Artenvielfalt. Reparateure sind genauso wichtig. Es geht nicht allein nur ums produzieren und wegwerfen.

 

Dank unserer Dienstleistung haben menschliche Reparateure auch eine Chance sich entsprechend zu entwickeln.

Aber nein, lieber wird alles mit Giften durchdrängt... dank dieser Stoffe sterben viele unserer Raupen einen grausamen Tod. Vor allem diese Halogenkohlenwasserstoffverbindungen sind sehr gefährlich und sie können erst bei 400 bis 600 Grad Hitze aufgelöst und zurück in den Kreislauf geführt werden. Ich kenne keinen Wiesenhelden, der das schaffen kann. Den Menschen ist es aber leider lieber, dass dieses Zeug sich überall in der Welt breit machen kann, als dass wir unsere Arbeit tun dürfen. 

 

Dabei ist es nicht mal unsere Schuld, dass sich unser Stamm in den letzten Jahrzehnten so extrem vermehrt hat. Wir haben schließlich nicht das System aus dem Gleichgewicht gebracht. Nun ja, wenigsten haben inzwischen einige der Menschen ihren Fehler eingesehen und arbeiten inzwischen mit Schlupfwespen zusammen. Das ist zwar auch nicht schön, wenn ich daran denke, dass einer aus meinem Nachwuchs diesem Stamm zum Opfer fällt, aber das gehört eben zum Kreislauf des Lebens dazu. Des einen Nachswuchs tot, des anderen leben...

 

Emil Kaustampf, Kleidermotte

 

P.S. Es gibt einen Raupenstamm, der frisst tatsächlich Plastik. Weitere Infos darüber findet Ihr hier:

www.spiegel.de/wissenschaft/natur/forscherin-entdeckt-zufaellig-plastik-fressende-raupe-a-1144619.html