Lichtfluten aus der Steckdose

Laut den Überlieferungen unserer Vorfahren, muss das Sternengefunkel am Himmel einst wunderbar gewesen sein. Und es wurde nur übertroffen vom Lichtgefunkel in lauen Sommernächten auf Wiesen und Feldern.

So viele unserer Art haben einst Lichtsignale in die Nacht hinaus geschickt, in der Hoffnung, dass der oder die Richtige es sehen und erkennen würde. Egal, wie weit die Entfernung auch sein mochte: ein jedes Männchen machte sich auf den langen beschwerlichen Weg. 

Doch irgendwie sind die Sternchen blasser geworden und Signale unbekannter Art mischen sich in das Gefunkel hinein. Einige meiner besten Freunde haben sich trotz allem auf den Weg gemacht und ich musste dann mit ansehen, wie riesige Lichtfluten auf sie niederprasselten und ihren Verstand verwirrt haben.

Dabei hatten wir uns das als Kinder so toll ausgemalt! Drei Jahre lang waren wir gemeinsam auf der Pirsch nach Schnecken und Insekten gewesen, um unseren Hunger zu stillen und um groß und stark zu werden. Immer wieder wenn die alte Hülle zu klein geworden war, haben wir uns gehäutet bis dann der große Tag angestanden war, an dem wir uns endlich verpuppen konnten, um erwachsen zu werden. Über zehn Tage hatten dann die Hormone in unseren Körper gewerkelt und uns in richtige Leuchtkäfer verwandelt.

 

Wir sind gemeinsam los geflogen und hatten uns umgeschaut. Am Anfang waren wir nur etwas irritiert. Denn irgendwie schienen die Weibchen hier eine andere Sprache zu sprechen, als die die unsere Gene uns zu funkeln geraten hatten. Dann hatte sich einer nach dem anderen auf den Weg gemacht. 

 

Gestern hab ich dann auch noch meinen letzten Freund verloren.

Er hat mich aus über alles verliebten Augen angeschaut und erklärt: "Ich bin mir sicher, sie ist die, die ich gesucht habe! Auch, wenn sie anscheinend vergessen hat, wie man richtig spricht."

 

Vorsichtig bin ich ihm dann gefolgt. Hab mein Licht vorsorglich aus gelassen, damit mich niemand entdecken kann.

Mir ist aufgefallen, dass er sich dabei aus dem vor leben sprühenden Wald entfernt hat und sich diesen eckigen, toten Riesenbaumstämmen genähert hat, die im Inneren Hohl sind und über merkwürdige Eingänge verfügen.

In einen davon ist er rein geflogen, dort ist mir ein leises Gefunkel aufgefallen, das in der falschen Farbfrequenz immer mal wieder kurz aufgeleuchtet ist. Irgendwie hatte es etwas anziehendes und am liebsten hätte ich mich auch in diese Höhlung hinein begeben. Aber mein Bauchgefühl hatte mir abgeraten, so wie bei den anderen Touren auch, als meine Freunde in ihr Unglück geflogen sind.

Gespannt späte ich vorsichtig in die Höhlung hinein und beobachtete wie toll mein Freund da zu glühen und zu tanzen begann. Solch einen Tanz hatte ich noch bei keinem anderen Glühwürmchen gesehen. Im Zickzack tanzte er auf und nieder, so dass es aussah wie die Umrisse eines großen Sternes.

Dann begann er zu rotieren, immer schneller und schneller... auf einer kreisrunden Bahn. Er wirkte auf diese Weise sehr groß, beinah schon wie ein ufo - eine unglaubliche Flug-Obsession. Ich war unglaublich fasziniert, was da mein Freund so in der Luft aufführte. Und welche Kraft er da rein steckte. 

Immer mal wieder passierte es, dass er kurzzeitig mal absackte - seine Kräfte gingen nach und nach zur Neige, aber er wollte sich eben von seiner bestern Seite zeigen. Doch die Dame blieb kühl und verändert in keinster Weise ihr gefunkelt. In immer gleichem, fremdartigen Wortlaut vollführte sie ihre Blinkeinheiten. 

 

Mir ist immer noch unklar, wie sie bei diesen fantastischen Tanzeinlagen meines Freundes so ruhig bleiben konnte... Aber er, er machte weiter. Immer wieder raffte er sich auf und pulste und tanzte, was seine Kraft hergab. 

Ich konnte es nicht länger mit ansehen und begann ebenfalls kurz aufzublinken:

"Gib auf, sie hat dich nicht verdient!"

Und mit letzter Kraft macht er sich dann auf den Rückweg... zurück zu mir in die laue Nacht. Doch oje, irgend etwas hielt ihn wieder zurück. Ich konnte nur noch sehen, wie er senkrecht, kurz vor mir runterrutschte, und dabei in das Netz einer Spinne glitt...

Es war einfach ein traumatisches Erlebnis für mich, das ich noch nicht überwunden habe... und jetzt bin ich ganz allein, als einziger Glühwurm-Mann bin ich hier übrig geblieben. Und dass nur, weil ich ein Skeptiker bin. 

Vielleicht bin ich sogar der einzige meiner Spezies hier auf diesem kleinen Fleckchen Wald und es gibt gar keine Weibchen mehr... alles nur Tropfen aus Lichtfluten, die aus einer vollkommen anderen Welt stammen.

 

Kurt Skeplicht, Glühwürmchen