Alles zum Wohle des Staates

 

Ich hab den Druck einfach nicht mehr ausgehalten. Ich musste einfach fliehen. Hinaus aus dem zu engen Staatengefüge, in dem jeder doch nur eine Nummer ist und nur die Regel gilt: schuften bis zum Umfallen.

Auf einer Arbeiterin liegt ja so viel Verantwortung. Je nach Alter erhält sie einen bestimmten Rang. Sobald sie dem Wickelalter entwachsen ist, beginnt der Ernst des Lebens. Zunächst heißt es dann emsig kriechen: alle Zimmerchen und Gänge sollen stets gut sauber gehalten werden. Es gilt, darauf zu achten, dass die Temperatur im Nest immer auf dem gleichen angenehm warmen Level bleibt - ein echter Knochenjob. Wenn es zu kalt ist, müssen die Flügel pausenlos im Einsatz sein, damit die Kleinen sich gut entwickeln können. Nur eine kleinen Unachtsamkeit und schon kann das verheerende Folgen haben. Das Gedächtnis und auch die Kommunikationsfähigkeit der später aus dem Kokon schlüpfenden Helferin können dabei in Mitleidenschaft gezogen werden. Das Wohl des ganzen Staates kann aus den Fugen geraten, wenn die neu gezüchteten Arbeiterinnen nicht gemäß des Standards funktionieren, gar behindert sind.

Sobald man dann ein Amt höher gerutscht ist, gilt es, mit dem eigenen Körper Wachs zu produzieren und daraus kleine Wohneinheiten zu erschaffen. Wichtig ist, sich nicht ablenken zu lassen, was aber gar nicht so einfach ist, wenn von außen immer mal wieder so ein sonderbar benebelnder Rauchgeruch durch die Flure zieht.

Zudem scheint hier auch, eine Art Geist am Werkeln zu sein, der den Abstand der Straßenzüge verändert. Man glaubt, man hätte Reihenweise gut gefüllt Vorratskammern geschaffen und muss dann feststellen, dass diese auf unerklärliche Weise abhanden gekommen sind.

Doch damit nicht genug. Beim Bau der Wohneinheiten muss auch noch entschieden werden, soll dies ein Geburtsraum für eine neue Arbeiterin werden, einer für ein Drohne oder gar für weitere Königinnen. Die Prinzessinen-Zimmer sind die Weiselzellen.

Die Stufe der Amme ist im Grunde ganz angenehm. Die Kleinen füttern, den Kot abwischen und sie in den Schlaf summen, das hat schon was sehr erhebendes.

Allerdings, wenn sich eines nicht richtig entwickelt, wird es aus seinem Bettchen gezogen und getötet. Sollte alles gut gegangen sein, kommt das nächste Zittern. Sobald sich die Königinnenlarven verpuppt haben, zählt man die Tage... wird nun der eigene Schützling zuerst schlüpfen und wenn ja, wer schlüpft als zweites und muss sich ihr dann im Kampf auf Leben und Tod stellen?!

Es ist so herzzerreißend, wenn die erste Prinzessin ihren tutenden Gesang anstimmt, um die Zweitgeborene heraus zu fordern. Wenn diese sich bereit fühlt, antwortet sie mit einem quakenden Gesang, und dann geht der Kampf los.

Manche der Arbeiterinnen stacheln die beiden Kontrahenten mit aufmunternden Summgeräuschen gegenseitig auf, als würden sie sich daran ergötzen, dass nun die Königin und ihre Prinzessinnen für ihren Rang den Preis zahlen müssen.

Mich hat es mehr an ein sinnloses Dahinschlachten erinnert.

Und je nachdem wie viele Weiselzellen von den Arbeiterinnen eingerichtet wurden, so viele Prinzessinnen müssen um ihren Thron kämpfen. Ob sie wollen oder nicht und nur die jeweils stärkste überlebt und wird mit einem Gefolge ausziehen und einen neuen Staat gründen. Und falls die Königinmutter zu alt oder schwach ist, wird diese von den Arbeiterinnen erstochen und die neu gekrönte bleibt im Stock.

Und dann auch noch dieses Gefühl beständig überwacht zu werden. Mir klingen heute noch die Befehle in meinen Fühlern wieder: „Zum Wohle des Volkes muss alles erdenkliche getan werden!"

Kein Summen, keine Bewegung und Kommunikation bleibt ungehört. Hier gilt nur das Wohl Vieler. Ein Einzelner hat keine Bedeutung.

Als ich dann endlich alt genug war, um dieser Kontrolle ab und zu mal zu entgehen, bin ich emsig von Blüte zu Blüte geflogen und hab meinen Honigmagen mit Nektar gefüllt. Diese Freiheit war schon berauschend. Allerdings muss ich gestehen, dass ich mir die Außenwelt irgendwie ganz anders vorgestellt hatte.

Nach den alten Erzählungen müssten überall die leckersten Blüten wachsen, eine riesige Auswahl an Formen und Farben. Doch dieses Paradies, das man uns für all unsere Mühen versprochen hatte, scheint wohl nur eine Legende unserer Vorfahren zu sein. Von wegen saftige Wiesen mit Millionen Blüten.

Manchmal waren die Abstände zwischen den Nektarweiden gar so groß, dass die Sammlerin gar nichts zurück ins Nest tragen konnte. Zudem waren auch einige regelrecht benommen heimgekehrt, als hätten sie irgendwelche Drogen genascht.

Mir ging es einmal auch so. Tagelang bangten meine Kollegen um meine Gesundheit, doch dann berappelte ich mich wieder. Allerdings merkte ich mir die Bereiche mit den schlecht bekömmlichen Nektar und Pollen... was ein weiteres Problem aufwarf: Gute Blüten waren dann noch viel rarer.

Tja, und dann kam die Zeit, dass ich in den Vorruhestand versetzt wurde. Als Torwächterin sollte ich meinen Dienst versehen. Einen Angriff habe ich in der Zeit erlebt und der hat das Entsetzen in meinem Inneren in ungeahnte Höhen hoch geschraubt.

Im Grunde war es selbstverständlich. Ein jeder hat sich für den Staat zu opfern. Sobald ein Angreifer auftaucht, gilt es, den Stachel zu ziehen und fest zuzustechen. Ich mein, wenn ich nur kurz zustechen müsste, ginge das ja. Aber da so viel Gift wie möglich in den Angreifer gepumpt werden soll, muss der Stachel eben in dessen Hülle stecken bleiben. Feine Widerhaken ermöglichen das... nur seufz, dann heißt es wieder los fliegen und dabei auf eine halbe Portion gekürzt zu werden. Ich hab das so oft schon miterleben müssen, wenn es eine Kollegin einfach mitten drin zerreißt. Wie der Körper in die Länge gezogen wird und zuletzt die inneren Organe sich winden und dehnen, bis auch der letzte Faden zerfetzt ist und die Biene in einem achtzehnstündigen Todeskampf zu Boden sinkt.

Nein, ich konnte das alles nicht mehr ertragen und bin geflohen. Ich wollte meine letzten Tage in aller Ruhe auf einer meiner Lieblingsblumen verbringen. Ich hab genug Opfer gebracht, ich will einfach nicht mehr... auch, wenn das für eine Biene mehr als nur feige ist.

Nina Zielgenau, Honigbiene

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